Oracle: Rekordumsatz, doch Kreditmarkt warnt vor KI-Schulden
Oracle wächst stark, doch freier Cashflow liegt bei minus 28,7 Mrd. Dollar. Anleihen und CDS zeigen Kreditstress im KI-Boom.
Das Wichtigste in Kürze
- Oracle wächst im Cloud-Geschäft rasant, finanziert den Ausbau aber auf Pump.
- Am Anleihemarkt verlangen Gläubiger spürbar mehr, der Cashflow ist tief negativ.
- Die Aktie steht laut Momentum-Aufnahme bei 144,77 Dollar, Tages- und Wochenbild sind bearish.
Wall Street feiert Rekorde, doch an einer Stelle hakt es: Bei Oracle (ORCL) laufen Aktienstory und Kreditmarkt auseinander. Die Wachstumsraten sind beeindruckend, die Schuldenseite sieht aus Sicht der Gläubiger zunehmend riskant aus. Finanzmarktwelt greift dazu die Analyse von André Stagge auf.
Wenn Gläubiger anders rechnen als Aktionäre
Der Kreditmarkt gibt das deutlichste Signal. Stagge verweist darauf, dass eine Langläufer-Anleihe von Oracle ungefähr die Hälfte ihres Kurses verloren hat und damit mehr als 8 Prozent Rendite abwirft. Gleichzeitig verteuert sich die Absicherung: Die Kosten für fünfjährige Ausfallversicherungen (Credit Default Swaps) stiegen Ende September über 230 Basispunkte, ein Jahreshoch.
Aus dieser Prämie rechnet Stagge eine Ausfallchance von etwa 16 Prozent für die nächsten fünf Jahre hoch. Das ist ein Rechenwert unter Modellannahmen und keine Vorhersage. Die Ratingagentur S&P hatte Oracle bereits im Juli auf BBB- gestutzt, also eine Stufe vor Ramsch. Fällt das Papier darunter, müssten manche Anleihefonds verkaufen, was den Druck erhöhen würde.
Der Ausbau verschlingt mehr, als das Geschäft einspielt
Warum die Gläubiger nervös sind, zeigt die Geldflussrechnung. Im jüngsten Quartal setzte Oracle 19,3 Milliarden Dollar um, ein Plus von 30 Prozent. Die Cloud-Infrastruktur legte um 121 Prozent zu. Zugleich flossen 28,5 Milliarden Dollar in Anlagen, vor allem in Rechenzentren. Über ein Jahr gerechnet bleibt ein freier Cashflow von minus 28,7 Milliarden Dollar.
Und es soll mehr werden: Für das Geschäftsjahr 2027 stehen laut Stagge 90 bis 95 Milliarden Dollar an Investitionen im Plan. Dazu kommen bilanzierte Schulden von etwa 125 Milliarden Dollar und Mietzusagen über 288 Milliarden Dollar für unfertige Standorte, die bisher nicht in der Bilanz auftauchen. Die Zinslast für das laufende Quartal beziffert er auf 1,43 Milliarden Dollar, 55 Prozent über Vorjahr, und damit stärker steigend als die Erlöse.
Ein Großkunde bestimmt das Risikobild
Verschärft wird das durch die Kundenstruktur. Nach Stagges Darstellung hängt etwa die Hälfte der gebuchten Aufträge an OpenAI, vertraglich 300 Milliarden Dollar auf fünf Jahre. Kommt dieser Kunde in Finanzierungsnöte oder zahlt später, trifft das Oracle unmittelbar, während die Rechnungen für Chips und Zinsen pünktlich eintreffen.
Ob das nur Oracle betrifft, bezweifelt Stagge. Alphabet plant für 2026 mit 195 bis 205 Milliarden Dollar, Amazon mit rund 220 Milliarden Dollar. Beide haben stärkere laufende Zuflüsse, bei beiden war der freie Cashflow in einem Zeitraum aber bereits negativ. Seine Lesart: Oracle ist der empfindlichste Teil eines Sektors, dessen Wachstum zunehmend an Kreditmärkten hängt. Für die Aktie erwartet er binnen zwölf Monaten Kurse unter 100 Dollar.
Was sagt das Momentum?
Das Momentum signalisiert im Tageschart (1D) einen bearishen Zustand, und auch der Wochenchart (1W) steht auf bearish. Für 1h und 4h gibt es bei Aktien keine Daten. Zum Zeitpunkt der Aufnahme lag der Kurs bei 144,77 Dollar. Oracle läuft damit gegen die Indizes, die zuletzt auf Rekordniveau schlossen.
Szenarien
Hält der Stress am Kreditmarkt an, mit CDS-Prämien über 230 Basispunkten und Anleiherenditen über 8 Prozent, bleibt die Aktie unter Druck. Die von Stagge genannte 100-Dollar-Marke wäre dann die Zone, die Anleger im Blick behalten.
Eine Abstufung unter BBB- könnte die Finanzierung verteuern und Verkäufe durch Anleihefonds auslösen. Das wäre ein Warnsignal auch für andere schuldenfinanzierte KI-Ausbauer.
Beruhigt sich der Kreditmarkt dagegen, etwa mit fallenden Ausfallprämien, rückt wieder das Cloud-Wachstum von 121 Prozent in den Vordergrund, und die Skeptiker-These verliert an Gewicht.