Brent über 114 Dollar: Was den Ölpreis treibt
Brent klettert auf 114,21 US-Dollar: Huthi-Angriffe auf Saudi-Arabien und erwartete US-Schläge nach der Wahl treiben die Risikoprämie.
Das Wichtigste in Kürze
- Brent legt seit Mittwochabend von unter 109 auf 114,21 US-Dollar zu.
- Die Förderung aus dem Golf läuft weitgehend, doch Anleger fürchten den nächsten Ausfall.
- Hält der Preis, wächst der Druck auf Fed und EZB, die Zinsen weiter zu erhöhen.
Ein Barrel Brent kostet am Freitagvormittag 114,21 US-Dollar. Das sind 18 Dollar mehr als vor drei Wochen und rund 80 Prozent mehr als zu Jahresbeginn, wie Finanzmarktwelt unter Berufung auf Bloomberg festhält. Auffällig ist der Widerspruch dahinter: Es fehlt kaum Öl, trotzdem klettert der Preis.
Der Markt bezahlt für Angst, nicht für fehlende Fässer
Wie knapp ist das Angebot tatsächlich? US-Energieminister Chris Wright beziffert die Liefermengen aus der Golfregion laut Fox News auf etwa 80 Prozent des Vorkriegsniveaus. Nur bei Raffinerieprodukten bleibt es eng. Der Irak liefert im Oktober bislang über 3,4 Millionen Barrel täglich und nähert sich damit dem Stand vor dem Krieg.
Der Aufschlag im Preis hat deshalb eine andere Ursache. Capital-Economics-Rohstoffökonom Hamad Hussain sieht die Risiken klar auf der Oberseite, denn jeder weitere Angriff auf Tanker erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass doch wieder Angebot wegbricht. Genau darauf wetten die Händler.
Was die Nerven zuletzt strapazierte
Mehrere Meldungen kamen innerhalb weniger Tage zusammen:
- Die Huthis reklamieren Angriffe auf den saudischen Hafen Yanbu, ein Ölfeld und einen Flughafen. Yanbu gilt als wichtigster Ausweg, falls die Straße von Hormus blockiert würde.
- Aramco schickte nach einem Alarm am Donnerstag die Beschäftigten seines Hauptquartiers in Dhahran nach Hause.
- In Libyen wurden Pipelines zu Exportterminals gedrosselt.
- Laut „New York Times“ liegen in Washington und Israel Pläne für neue Schläge gegen den Iran bereit – zeitlich nach den US-Zwischenwahlen Anfang November.
Der letzte Punkt erklärt die Richtung. Kummerfeld von Finanzmarktwelt sieht Donald Trump vor der Wahl nicht an einer Eskalation interessiert, der Ölpreis spiegelt aber die Erwartung, dass sie danach kommt. Dennis Kissler von BOK Financial Securities hört aus dem Markt, dass die meisten Händler dauerhaft höhere Preise einplanen.
Der Diesel-Deal bremst kaum
Washington versucht gegenzusteuern. Nach einer Vereinbarung mit Moskau vom 9. Oktober sollen im Oktober 300.000 und im November 500.000 Tonnen russischer Diesel auf den Markt kommen; ein erster Tanker mit 40.000 Tonnen sollte die Ostsee verlassen. Die USA haben dafür Sanktionen ausgesetzt. Finanzmarktwelt berichtet von wachsender Kritik aus der eigenen Partei, unter anderem von Mike Johnson, dem Sprecher des Repräsentantenhauses. Gemessen am Rohölmarkt sind die Mengen klein, an der Risikoprämie ändern sie bisher nichts.
Was sagt das Momentum?
Das Momentum für Brent zeigt ein gemischtes Bild: Auf Wochensicht (1W) und Tagessicht (1D) signalisiert es einen bullischen Trend, im 4-Stunden-Chart (4h) neutral, im 1-Stunden-Chart (1h) bearish. Der übergeordnete Aufwärtstrend steht damit, kurzfristig fehlt der Schwung.
Wohin das Geld wandert
Teures Öl wirkt wie eine Steuer: Transport, Industrie und Haushalte zahlen mehr, die Inflation zieht an. Finanzmarktwelt weist darauf hin, dass Fed und EZB deshalb stärker unter Druck geraten, die Zinsen weiter anzuheben. Für Aktien, die ohnehin mit KI-Sorgen kämpfen, ist das ein zusätzlicher Gegenwind. Auch Gold leidet unter den Zinserwartungen. Je länger Brent über 110 US-Dollar bleibt, desto eher wird aus einem Rohstoffthema eine Konjunkturfrage.