Aktienwoche: Rekordnähe, Zinsangst und KI-Schulden
Wochenrückblick Aktien: US-Rendite bei 5,35 %, DAX unter 25.000, Oracle-CDS auf Rekord. Was die Märkte bewegte und was kommt.
Das Wichtigste in Kürze
- Wenige KI-Schwergewichte tragen die US-Indizes, die Breite des Marktes fehlt.
- Zehnjährige US-Renditen erreichen zeitweise 5,35 Prozent, der DAX schließt Donnerstag bei 24.807 Punkten.
- Kreditmärkte preisen das Risiko der KI-Finanzierung höher ein, Oracle-Absicherung auf Rekord.
Gold glänzt nicht, Öl treibt nicht, diese Woche entscheiden Anleihen über das Aktienbild. Am Donnerstag verlor der DAX 1,18 Prozent und schloss bei 24.807 Punkten, während der S&P 500 laut Bloomberg-Daten weiterhin nur knapp unter 8.000 Punkten steht. Hinter dem Gegensatz stecken ein dünnes Fundament, teure Schulden und ein Zinsniveau, das Anleger nervös macht.
Eine Rallye auf schmalen Schultern
Wer die Wochenbilanz verstehen will, beginnt bei der Zusammensetzung des Anstiegs. Seit dem Tief im Oktober 2022 hat der S&P 500 rund 117 Prozent zugelegt. Der um Gewichtungen bereinigte Index bleibt laut den von Claudio Kummerfeld für Finanzmarktwelt wiedergegebenen Bloomberg-Daten um 52 Prozentpunkte zurück, die größte Differenz in einer vergleichbaren Hausse seit mindestens den 1990er Jahren.
Der Motor heißt Nvidia: Der Chipkonzern hat sich seit dem Börsentief Ende 2022 um mehr als 1.900 Prozent verteuert und steuert auf 6 Billionen Dollar Marktwert zu. CFRA-Chefstratege Sam Stovall rechnet weiter mit einem langen Bullenmarkt, stört sich aber an der historisch engen Basis. Für Anleger bedeutet das: Stolpert die KI-Erzählung, fehlt ein breites Polster darunter.
Donnerstag zeigt, wie dünn das Eis ist
Dass die Sorge nicht theoretisch ist, bewies der Donnerstag. Berichte, wonach der annualisierte Umsatz von OpenAI unter früheren Schätzungen liegt, schickten Technologiewerte nach unten und zogen den S&P 500 insgesamt ins Minus. Laut Bloomberg erwartet OpenAI bis Ende Dezember eine Hochrechnung von 70 Milliarden Dollar, Ende September waren es rund 50 Milliarden. Die Financial Times führt die Abweichung auf Rechenmethoden zurück: Investoren bewerten Cloud-Umsätze anders als der Konkurrent Anthropic.
Die Episode verweist auf ein tieferes Problem. Finanzmarktwelt-Autor Stefan Jäger beziffert die neuen Schulden der Tech-Branche in diesem Jahr auf fast 500 Milliarden Dollar. Der Preis für die Absicherung von Oracle-Anleihen mit fünf Jahren Laufzeit stieg am Donnerstag auf den Rekord von 261 Basispunkten, Broadcom kommt auf 136, SpaceX auf rund 194. Mark Clegg von Allspring beschreibt den Markt so, als tage alle paar Stunden eine Krisensitzung zum KI-Ausbau.
Der Zinsdruck sitzt am langen Ende
Verstärkt wird all das von einem Anleihemarkt, der höhere Entschädigung verlangt. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen hatte am Donnerstag kurz 5,35 Prozent erreicht, nur knapp unter dem Höchststand seit 2002. Auslöser war ein Ölschub: Brent stieg um mehr als 4,5 Prozent auf über 105 Dollar je Barrel, nachdem Tanker angegriffen wurden und Berichte über neue US-Militärschläge kursierten.
Am Freitag entspannte sich die Lage. Trump schloss Angriffe auf den Iran vor den Zwischenwahlen aus, Brent sank unter 103 Dollar, und die Rendite fiel nach einer soliden Auktion 30-jähriger Papiere auf etwa 5,21 Prozent. Nach New-York-Fed-Modell liegt die Laufzeitprämie bei 0,98 Prozentpunkten, so hoch wie zuletzt 2014. Anleger ziehen sich ins Bargeld zurück: Geldmarktfonds erhielten laut Bank of America 166,4 Milliarden Dollar, Aktienfonds nur 12,4 Milliarden.
Was sagt das Momentum?
Zum Wochenende steht Nvidia bei 229,28 US-Dollar. Das Momentum signalisiert im Tageschart einen bullishen Zustand, ebenso im Wochenchart. Daten für kürzere Zeiträume liegen nicht vor. Damit zeigt der wichtigste KI-Wert trotz der Donnerstagsschwäche in den größeren Zeitrahmen bislang keinen Trendbruch.
Szenarien
Verteidigt der DAX die Zone um 24.800 Punkte, in der auch die 200-Tage-Linie bei 24.851 Punkten verläuft, bleibt ein Test des Widerstands zwischen 24.975 und 25.050 Punkten möglich. Erst darüber käme die 25.000er-Marke wieder ins Spiel.
Klettern Rendite und Ölpreis erneut, also über 5,35 Prozent beziehungsweise 105 Dollar, bleibt Tech unter Druck. Sinken beide weiter, hat der S&P 500 Raum für einen Vorstoß an die 8.000er-Marke.
Die Berichtssaison eröffnet am Dienstag mit JPMorgan. Fidelity-Stratege Jurrien Timmer erwartet, dass der Markt bei Schwächezeichen die Bewertungen deutlich strenger prüft.