EZB-Zinsen: Ökonomen vs. Markt – Euro im Fokus

Ökonomen erwarten im Dezember die letzte EZB-Zinserhöhung, Händler drei weitere. Frankreichs 5,14 % Rendite verschärft den Konflikt.

EZB-Zinsen: Ökonomen vs. Markt – Euro im Fokus

Das Wichtigste in Kürze

  • Volkswirte erwarten die letzte EZB-Anhebung im Dezember, auf 2,75 Prozent.
  • Händler setzen auf drei Schritte binnen eines Jahres und damit auf mehr.
  • Frankreichs Rendite über 5 Prozent engt den Spielraum der Notenbank ein.

Wie hoch steigen die Leitzinsen im Euroraum noch? Darauf geben Analysten und Händler gerade zwei sehr verschiedene Antworten, und Paris macht die Rechnung nicht einfacher. EUR/USD steht laut unserer Momentum-Aufnahme bei 1,1197.

Paris sitzt der Notenbank im Nacken

Beginnen wir dort, wo es am meisten drückt: bei den französischen Staatsanleihen. Zehnjährige Papiere rentierten am Donnerstag zeitweise mit 5,14 Prozent, so viel wie seit Sommer 2002 nicht mehr. Im August lag die Marke noch bei etwa 4 Prozent. Finanzmarktwelt beziffert den Abstand zur deutschen Bundesanleihe auf 1,75 Prozentpunkte, und für einen Moment warf Frankreich damit mehr ab als die USA mit 5,04 Prozent.

Das trifft die EZB in einem unglücklichen Moment. Der Ölpreis jenseits von 110 Dollar hat die Teuerung im September auf 3,8 Prozent getrieben, fast das Doppelte des Zielwerts. Zwei Anhebungen seit Ausbruch des Iran-Kriegs, im Juni und im September, haben das nicht gebrochen. Jede weitere Straffung verteuert aber auch die Schulden hoch verschuldeter Länder, und Frankreich steht dafür an erster Stelle.

Zwei Prognosen, die nicht zusammenpassen

Die EZB hat für solche Fälle ein Werkzeug, das Transmission Protection Instrument (TPI). Es soll Anleihen von Staaten stützen, deren Renditen aus dem Ruder laufen. In einer Bloomberg-Befragung vom 16. bis 21. Oktober, die Finanzmarktwelt aufgreift, rechnen davon aber rund 90 Prozent der Ökonomen nicht mit einem Einsatz.

Stattdessen erwarten sie Zurückhaltung. Nach ihrer Prognose steigt der Einlagensatz im Dezember um einen Viertelpunkt auf 2,75 Prozent, danach passiert bis Mai 2028 nichts mehr. Der Terminmarkt sieht das nicht so. Dort ist binnen zwölf Monaten Platz für drei Anhebungen, wobei der Dezember-Schritt mitzählt. Wer recht behält, entscheidet über die Zinsdifferenz des Euro zum Dollar.

Ein Argument für die Geduld liefert Rabobank-Volkswirt Bas van Geffen. Die Preissteigerung bei Energie schlage bislang nicht auf Löhne und übrige Preise durch, sagt er, deshalb reiche ein Handeln im Dezember. ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski hält die Rolle der EZB gegenüber Frankreich ohnehin für begrenzt: Das Land müsse sich selbst helfen. Als einziges Mittel bleibe, die Markterwartungen mit milderen Signalen zu dämpfen.

Risiken, die in der Umfrage mitschwingen

Drei Viertel der Befragten halten für 2027 eine höhere Inflation als erwartet für möglich, 57 Prozent sehen für das Wachstum eher Gefahren nach unten. Beides zugleich ist unbequem: Die Notenbank muss Preise bremsen, ohne die Konjunktur abzuwürgen.

Wie fragil die Lage ist, zeigt ein Blick nach Deutschland. Der Einkaufsmanagerindex sank im Oktober auf 52,8 Punkte, ein Zweimonatstief, bei 53,3 Punkten Erwartung und 53,8 im Vormonat. Die Industrie gewann auf 54,2 Punkte, die Dienstleister verloren auf 51,7 Punkte, wie Finanzmarktwelt zusammenfasst.

Was sagt das Momentum?

Das Momentum signalisiert bei EUR/USD überwiegend Schwäche: Die Zeitrahmen 1h, 4h und 1W stehen auf bearish, nur der Tageschart (1D) ist neutral. Der Kurs lag bei Aufnahme bei 1,1197.

Szenarien

Wenn die EZB im Dezember bei 2,75 Prozent eine längere Pause ankündigt, schwindet die Erwartung weiterer Anhebungen, und dem Euro fehlt eine Stütze. Hält die Inflation dagegen, könnte der Markt mit drei Schritten recht behalten, dann rücken die Franzosen mit ihren Renditen über 5 Prozent noch stärker in den Mittelpunkt. Beides spricht für Ausschläge um die Marke von 1,1197.